Und Daniel Plainview sprach: Es fliesse Blut. Und es floss Blut. Nicht in rauhen Mengen, aber langsam und zähflüssig.
Die ersten 10 Minuten des Films wird kein Wort gesprochen, aber geschuftet und gelitten: In den Silberminen im Westen Amerikas um die Jahrhundertwende. Zu holen ist nicht mehr viel, aber für die Hoffnungslosen noch immer genug.
Daniel Plainview, gespielt von Daniel Day-Lewis, der bärtige Mann, dessen Alter man kaum schätzen kann, arbeitet sich vor, langsam, schweisstreibend, und selbst als eine Sprosse seiner Leiter in den Stollen bricht und er haltlos in die Mine fällt, gibt er nicht auf, kramt die kleinen Silberbrocken zusammen, schleppt sich hinauf, zurück in die Stadt und verkauft den Gewinn. Und dies alles ohne ein Wort, aber mit unendlichen Schmerzen.
Nicht der ganze Film ist schmerzhaft, wenigstens nicht auf der Oberfläche. Aber in diesem Mann brodelt es, und wenn er mitten im Film, ohne Ankündigung und dramaturgische Notwendigkeit, sagt, dass er die Menschen satt habe, dass er sie nicht mehr sehen könne, dass sein Hass grenzenlos sei, dann kann man ihm nicht widersprechen.
Regisseur Paul Thomas Anderson gelingt es in derart sublimer Art, Gefühle, Entwicklungen, Untergründiges anhand eines Lebenslaufes über 50 Jahre darzustellen, dass einem der metaphysische Schauer wahrlich den Rücken hinauf kriecht.
Und dabei ist dieser Plainview gar kein schlechter Kerl, es hat viel Gutes, Liebenswürdiges und Rührendes in ihm. Aber das ist nicht alles. Um diesen Zwiespalt dreht sich der Film. Und wie!
Hier der Trailer zum Film, zu finden auf Youtube:
Die Geschichte ist nicht weiter speziell: Nach den bescheidenen Silberfunden stösst Plainview auf Öl, mausert sich langsam zum „Oilman“, bekommt Wind von einem reichen Vorkommen in der Wüste Kaliforniens, zieht dorthin und gräbt erfolgreich weiter, bis er reich und satt wird.
Doch das Personal um ihn herum macht diese langweilige Geschichte zum religiös-moralischen Thriller: Da ist diese skurile „Kirche der dritten Offenbarung“, deren jugendlicher Prediger Eli Sunday gerne Dämonen austreibt und sich nicht nur als das Sprachrohr der Gemeinde, sondern auch Gottes versteht. Er leitet die Verhandlungen für den Bodenverkauf, denn das Land, aus dem Öl fliessen soll, gehört den heruntergekommenen und verwahrlosten Gemeindebauern, er leitet die Gemeinde, er hat seine Finger überall im Spiel.
Und man wird nicht richtig schlau aus ihm: Ein harmloser Charismatiker, ein skrupelloser Machtmensch? Spinnet er nur ein bisschen oder ist das bereits krank? Er wird zum veritablen Gegenspieler von Plainview, stellt sich zuerst auf seine Seite, dann gegen ihn, er nimmt Partei für Plainviews kleinen Sohn, der nach einer Gasexplosion taub wird und die Kommunikation zu seinem Vater abbricht, worauf ihn dieser in eine Gehörlosenschule in San Francisco verlegt bzw. abschiebt.
Aber letztlich dreht sich auch beim Teenage-Prediger, genau wie bei Plainview, alles um Geld und Macht.Absolut unbeschreiblich ist die Szene, in der Plainview in der Kirche öffentlich seine Sünden bekennen und sich nochmals taufen lassen muss, damit er das dringend benötigte Wegrecht für seine Pipeline von einem alten, bärtigen und zahnlosen Gemeindemitglied bekommt. Der Popstar-Prediger nützt diese Gelegenheit schamlos aus, Plainview zu demütigen. Aber der Ölmann bleibt konsequent: Kaum hat er die Taufe hinter sich und das Wegrecht in der Tasche, murmelt er etwas gar laut: „And that’s my pipline!“. Religion ja, Glaube nein.
Dass dann plötzlich noch ein verschwundener Bruder auftaucht, während der Bruder der Gemeindeikone verschwindet, dass Frauen im ganzen Film fast gar keine Rolle spielen, dass Plainview zu saufen beginnt, seinen Sohn, der eigentlich gar nicht sein Sohn ist, sondern das Kind eines verunfallten Angestellten, aber trotzdem unheimlich vermisst, dass die Big-Oil-Companies Plainviews Felder aufkaufen und ihn aus dem Geschäft drängen wollen, dass der Hip-Preacher plötzlich zum Börsenspekulant wird und sein ganzes Geld am Schwarzen Freitag verliert, und dass noch so viel anderes still und leise über den Weg läuft, macht diesen Film so vielschichtig, dass er zum wahren Genuss wird.
Wer gerne Psychogramme der Hauptdarsteller erstellt, wer gerne Emotionen aus erster Hand erlebt, wer gerne zwischen den Zeilen liest und Erzählgerüste weiterspinnt, der wird diesen Film lieben. Wer den Western sucht, den Show-Down am High-Noon, der bleibt besser zu Hause.
Und das Ende? Vielleicht etwas dick aufgetragen, was der versoffene, alte Plainview mit dem schmierigen Priesterchen, übrigens gspielt von Paul Dano, macht, aber Blut muss fliessen, auch wenn es langsam und zäh fliesst...
There Will Be Blood, USA / 2007, 159 Minuten, Kinostart: Donnerstag, 14. Februar 2008
Oscar - Die Gewinnerinnen und Gewinner des Jahres 2008
Letzte Nacht war es wieder soweit: Die Oscars wurden vergeben an Daniel Day-Lewis, Tilda Swinton & Co. Der Kommentar von fernsehen.ch zu den Gewinnerinnen und Gewinner.
Zwei-drei Überraschungen gab es, sonst verlief die 80. Oscar-Verleihung wie
Weblog: fernsehen.ch blog Aufgenommen: Feb 25, 10:44
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